Warum New Work nicht für jedes Unternehmen richtig ist

(nach Carsten C. Schermuly, Interview in “Wirtschaftspsychologie aktuell”, 3/2023)

Was bedeutet New Work?

New Work wird oft als Konzept für selbstbestimmtes Arbeiten und mehr Freiheit im Job beworben.
Doch laut Prof. Dr. Carsten C. Schermuly kann eine unsachgemäße oder oberflächliche Umsetzung von New Work schnell zu Zwang, Überforderung und negativen Effekten führen — insbesondere, wenn Unternehmen nicht die kulturellen und psychologischen Voraussetzungen dafür schaffen.

Im Folgenden werden die zentralen Gründe dargestellt, warum New Work nicht für jedes Unternehmen und nicht in jedem Kontext geeignet ist:

1. Banalisierung und Missbrauch des Begriffs New Work

In vielen Organisationen wird der Begriff “New Work” entleert oder missbräuchlich verwendet:

  • Oft wird Homeoffice als Inbegriff von New Work verkauft, obwohl dies lediglich eine Arbeitsform ist.
  • Maßnahmen wie Open-Space-Büros werden unter dem Etikett von New Work eingeführt, um Kosten zu sparen, ohne die tatsächlichen Bedürfnisse der Beschäftigten zu berücksichtigen.

Dies führt zu Enttäuschungen und einer Vertrauenskrise gegenüber New-Work-Initiativen.

2. Fehlende Passung zur Unternehmenskultur

Viele New-Work-Projekte scheitern, weil Unternehmen organisationspsychologisches Wissen nicht nutzen:

  • Maßnahmen werden unreflektiert übernommen, ohne zu prüfen, ob sie mit der bestehenden Unternehmenskultur harmonieren.
  • New Work erfordert eine Kultur der Selbstbestimmung, Kompetenzförderung und Sinnorientierung. In einer kontrollierenden oder autoritären Unternehmenskultur wirken New-Work-Maßnahmen schnell aufgesetzt und unglaubwürdig.

In solchen Kontexten leiden die Beschäftigten eher unter New Work, als davon zu profitieren.

3. New Work als gefährliches Glücksversprechen

New Work wird häufig als “Happy New Work” vermarktet, mit dem Versprechen, dass Arbeit stets glücklich, leicht und erfüllend sein müsse.

  • Schermuly warnt davor, solche unrealistischen Erwartungen zu wecken.
  • Herausforderungen und Belastungen gehören selbstverständlich zum Arbeitsleben.
  • New Work sollte kein Feelgood-Management sein, sondern realistische Rahmenbedingungen schaffen, in denen Mitarbeitende gestärkt und kompetent arbeiten können.

4. Fehlende Voraussetzungen für Selbstbestimmung

Viele Unternehmen fokussieren sich einseitig auf das Ziel der Selbstbestimmung, ohne die dafür notwendigen Voraussetzungen zu schaffen:

  • Empowerment
  • Sinnhaftigkeit
  • Kompetenzförderung

Fehlen diese Grundlagen, entstehen negative Nebenwirkungen:

  • Es fehlen Führungskräfte als Moderatoren und Konfliktschlichter.
  • Mitarbeitende werden mit komplexen Aufgaben der Selbstorganisation und Ressourcenverteilung überfordert.
  • Positive Wirkungen guter Führung (z.B. Motivation, Koordination, Ressourcenbeschaffung) entfallen.

5. Mangelnde Diagnostik und unreflektierte Einführung von New Work

In der Praxis wird kaum Diagnostik eingesetzt:

  • Es wird nicht systematisch geprüft, ob und wie New-Work-Maßnahmen zum Unternehmen passen.
  • Es fehlt eine Zukunftsdiagnostik (Was will das Unternehmen mit New Work langfristig erreichen?) und ein Abgleich von Ist- und Soll-Zustand.

Ohne eine fundierte Analyse werden Maßnahmen oft planlos eingeführt, was zu Fehlentwicklungen und psychischer Belastung der Beschäftigten führen kann.

6. “Geregelte Freiheit” als Erfolgsfaktor

Schermuly betont, dass Selbstbestimmung ohne klare Regeln nicht funktioniert.

  • Es braucht “geregelte Freiheit”: sinnvolle Leitplanken und Vereinbarungen, die einen verlässlichen Rahmen bieten.
  • Beispiel: In hybriden Teams klare Absprachen darüber, wann und wie die Zusammenarbeit erfolgt.

Ohne solche Regeln droht Chaos oder Pseudo-Agilität.

7. Empowerment gezielt und differenziert gestalten

Empowerment ist zentral für den Erfolg von New Work, wirkt aber nicht automatisch und nicht bei allen Beschäftigten gleich:

  • Es muss kulturell verankert, berufsfeldgerecht und individuell abgestimmt sein.
  • Es reicht nicht aus, bestimmte Berufsgruppen pauschal als empowert oder nicht empowert einzustufen.
  • Dialog und gezielte Testungen helfen, passgenaue Maßnahmen zu entwickeln.

Fazit: New Work ist kein Allheilmittel und kein universelles Erfolgsmodell.

  • Es erfordert gründliche Vorbereitung, fundierte Diagnostik, passende kulturelle Voraussetzungen und eine differenzierte, schrittweise Umsetzung.
  • Andernfalls führt New Work eher zu:
    • Überforderung der Beschäftigten
    • Vertrauensverlust
    • psychischen Belastungen
      anstatt zu mehr Selbstbestimmung, Motivation und Innovationskraft.

Schermuly plädiert deshalb für einen psychologisch verantwortungsvollen und iterativen Ansatz bei der Einführung von New Work — mit echtem Empowerment und realistischen Erwartungen.