Wie gelingt Führung, wenn Ehrenamtliche jederzeit „Nein“ sagen können?

Quelle: zfo, Zeitschrift Führung + Organisation, 6/2023

Ehrenamtliche bringen Zeit, Energie und Haltung ein – aber sie tun es freiwillig. Genau darin liegt die Chance und die Herausforderung: Es gibt keine arbeitsvertragliche Bindung, keine klassische Weisungslinie und oft nur begrenzte Zeitfenster im Alltag. Führung funktioniert hier nicht über Druck, sondern über Beziehung, Klarheit und passende Rahmenbedingungen. Eine qualitative Interviewstudie beschreibt dazu fünf zentrale Erfolgsfaktoren: Kommunikation, Bedürfnisse der Ehrenamtlichen, Wertschätzung, Rahmenbedingungen und die eigentliche Tätigkeit.

Kommunikation mit Ehrenamtlichen auf Augenhöhe statt Anweisung

Ein wiederkehrendes Muster ist die Bedeutung persönlicher Gespräche. Kommunikation auf Augenhöhe gilt als entscheidend, weil sie Erwartungen, Fähigkeiten und Aufgabenanforderungen früh abgleicht. Besonders hilfreich sind strukturierte Gespräche, in denen gemeinsam geklärt wird, was Ehrenamtliche leisten können und wollen. Ebenso wichtig: Führungskräfte bleiben ansprechbar, bieten verlässliche Kommunikationswege und verzichten auf autoritäres Auftreten. Direkte Anweisungen und ein Ton der Autorität werden im Ehrenamt als unpassend erlebt, weil Freiwilligkeit nicht mit „Befehl und Kontrolle“ kompatibel ist.
Praktisch heißt das: Klare Absprachen statt Vorgaben, Fragen statt Vorwürfe, und konsequent die Gesprächsbrücke halten – auch wenn es im Alltag hektisch wird.

Bedürfnisse von Ehrenamtlichen ernst nehmen und sinnvoll einsetzen

Ehrenamtliche wünschen sich Akzeptanz ihrer zeitlichen und fachlichen Grenzen. Führung gelingt, wenn Aufgaben so gestaltet werden, dass sie zu den Ressourcen, Motiven und Lebensrealitäten passen. Dazu gehört auch, nicht „von oben“ zuzuteilen, sondern Aufgaben gemeinsam zu entwickeln und den Eigennutz des Ehrenamts zu respektieren: neue Erfahrungen, sinnstiftende Tätigkeit, soziale Kontakte oder persönliches Lernen. Gleichzeitig braucht es professionelle Sorgfalt, besonders dort, wo Ehrenamtliche mit Klienten arbeiten: Anforderungen müssen realistisch sein, Rollen klar, Unterstützung verfügbar.
Ein wichtiger Punkt aus den Ergebnissen: Die Befähigung der Ehrenamtlichen und die Möglichkeit, sich einzubringen, wirken stärker auf Zufriedenheit als starre Aufgabenpakete. Wer Freiwillige langfristig binden will, investiert deshalb Zeit in Passung – bevor die Aufgabe startet, nicht erst wenn Probleme sichtbar werden.

Wertschätzung für Ehrenamtliche, die intrinsische Motivation schützt

Ehrenamtliche Arbeit ist primär intrinsisch motiviert. Monetäre Anreize können diese Motivation eher verdrängen, wenn sie als „Bezahlung“ verstanden werden. Wertschätzung wirkt dagegen stabilisierend, wenn sie echte Anerkennung ausdrückt: positives Feedback, Interesse an der Person, Sichtbarkeit des Engagements und gemeinsame Aktivitäten. Auch kleine Gesten können helfen – entscheidend ist die Stimmigkeit: nicht prunkvoll, nicht beschämend, sondern respektvoll und passend zur Kultur der Organisation.
Für Führungskräfte bedeutet das: Wertschätzung nicht als Bonus verstehen, sondern als Führungsroutine. Wer regelmäßig anerkennt, verhindert, dass Ehrenamtliche sich übersehen oder austauschbar fühlen.

Rahmenbedingungen für Ehrenamtliche schaffen, die Verbindlichkeit ermöglichen

Führung im Ehrenamt braucht Zeitressourcen. Ehrenamtliche erwarten Verbindlichkeit: klare Absprachen, zuverlässige Ansprechpartner und einen organisatorischen Rahmen, in dem Engagement möglich wird. Weiterbildung und Qualifizierung sind dabei mehr als „nice to have“ – sie signalisieren Ernsthaftigkeit und erleichtern gutes Handeln. Ebenso wichtig ist die Förderung sozialer Kontakte, weil Gemeinschaft und Zugehörigkeit Motivation stärken.
Kurz: Gute Führung zeigt sich nicht nur im Gespräch, sondern auch in Struktur. Wenn Rahmenbedingungen fehlen, wird Engagement anstrengend – und Freiwilligkeit bricht schneller ab.

Konkrete Impulse für die Führung von Ehrenamtlichen

  • Führen Sie feste, kurze Gesprächsroutinen ein: Einstieg, Einsatz, Reflexion.
  • Klären Sie Aufgabenpassung vor dem Start: Können, Wollen, Zeit, Unterstützung.
  • Setzen Sie Wertschätzung planvoll um: Feedback, Sichtbarkeit, gemeinsame Aktionen.
  • Schaffen Sie Verbindlichkeit durch Organisation: klare Rollen, feste Ansprechpartner, Weiterbildung.
  • Nutzen Sie die Tätigkeit selbst als Motivator: Sinn, Lernchancen, Gestaltungsspielraum.

Fazit: Ehrenamtliche wirksam führen heißt Beziehung und Rahmen zusammenbringen

Ehrenamtliche werden nicht „geführt“, weil sie müssen, sondern weil sie Führung akzeptieren. Das gelingt, wenn Kommunikation auf Augenhöhe, passende Aufgaben, ehrliche Wertschätzung und tragfähige Rahmenbedingungen zusammenspielen. Wer so führt, schützt die intrinsische Motivation – und macht Engagement langfristig möglich.